
Immer denken die Leute, wenn sie mich zum ersten Mal sehen, dass ich ein Mann sei. Wahrscheinlich erzählte mir die Alte ihre Geschichte deswegen—sie hatte natürlich gesehen, dass ich eigentlich eine Frau bin, aber offensichtlich keine gewöhnliche Frau. Sie saß bereits in dem kleinen Abteil, als ich in Kassel eintrat. Ich wusste auf Anhieb, dass sie mit mir sprechen wollte. Es stand ihr auf den Leib geschrieben—ihre Körpersprache schrie: »Schau mich an. Ich bin eine alte, einsame Frau. Hör mir zu.« Es versteht sich von selbst, dass sie mich unmittelbar in ein Gespräch zu verwickeln suchte.
»Hallo«, hatte sie gesagt, als ich gerade hereingekommen war. »Regnet es noch?«
Ich hatte nur »Nein« murmeln können, bevor die drei jungen Männer, die sich dicht hinter mir herschoben, auch in das Abteil kamen. Die plauderten so laut und rüpelhaft, dass niemand außer ihnen miteinander reden konnte.
Zuerst fand ich diese Lage ganz gut, muss ich zugeben, weil mein Deutsch so unzureichend war und ich es nicht vor vielen Fremden benutzen wollte. Andererseits wurde der Lärm der großmäuligen Männer sehr schnell ausgesprochen ärgerlich. Der Geschäftsmann, der auch schon im Abteil gesessen hatte, als ich hereinkam, entschied offensichtlich, dass er sich mit dem Krach nicht abfinden würde, und verließ uns.
Soldaten waren die drei, wie es sich herausstellte. Das sah ich, als sie der Schaffnerin ihre Bundeswehrausweise statt Fahrkarten zeigten. Erwartungsgemäß versuchte die Alte mit ihnen eine Unterhaltung zu führen, aber die ignorierten sie. Danach saß sie nur leise und starrte ins Nichts. Ich schlug mein Buch auf, aber auch lesen war wegen der Soldaten fast unmöglich. Die meiste Zeit schaute ich bloß aus dem Zugfenster.
In Hannover verließen viele Leute der EXPO 2000 wegen den Zug, einschließlich (Gott sei Dank) der drei Rüpelhaften. Nur ein paar Leute stiegen dort ein und jetzt hatten die Alte und ich das Abteil für uns alleine. Unverzüglich bahnte sie von Neuem an.
»Kommen Sie aus Kassel?« fragte sie.
»Nein, aus Kanada.«
»Wo, bitte?«
»Kanada. Im Nord Amerika?«
»Ach so, Kanada. Sie besuchen Kassel also. Haben Sie Verwandte hier?«
»Nein«, antwortete ich. »Ich bleibe eigentlich im Marburg. Ich belege einen Sprachkurs da. Deutsch.«
»Ach, wirklich? Die Familie meiner Mutter kommt aus Marburg. Da haben wir fast jedes Jahr einen glücklichen Sommer verbracht. Was halten Sie von Marburg?«
Ich schaute sie verzweifelt an. »Wie bitte?«
»Mögen Sie Marburg?«
»Ach. Ja, absolut. Es ist sehr märchenhaft. Ich finde es auch ganz toll, dass die Brüder Grimm die Universität Marburg besucht haben. Und dass ich kann eigentlich laufen genau wo die gelaufen haben.«
»Na ja«, sagte die plötzlich missbilligende Alte, »die sind sehr bekannt, aber ... aber manche denken, dass die Brüder Grimm vielleicht mehrere wichtige Märchen übersehen haben.«
»Nein, wirklich?«
»Doch. Zum Beispiel kennt meine Familie ein äußerst ungewöhnliches Märchen, das ausgelassen wurde.« Die Alte lächelte. »Aber vielleicht sollte ich nicht weiter reden, damit Sie Ihr Buch lesen können.«
»Nein, es ist ok. Ich möchte so ein ungewöhnliches Märchen hören, denke ich. Kennen Sie es?«
»Natürlich. Meine Großmutter hat mir das Märchen vielemal erzählt, und die hatte es von ihrer Großmutter, und die wiederum von ihrer. Die letztere, meine Ur-Ur-Ur-Urgroßmutter, war die berühmte Dorothea Viehmann. Ihre Version ist wahrscheinlich durch die Generationen geändert worden, aber ich kenne das Märchen ganz gut.«
»Vielleicht hatten die Brüder es nur nicht gehört.«
»Laut der alten Frau Viehmann haben sie es anno dazumal sicher gehört. Einige sagen, dass die Geschichte einfach zu lang für sie gewesen sei und es zu viele Personen darin gebe, andere dass es nicht genug Magie darin gebe, und auch andere, dass ... na ja, dass es vielleicht einen anderen Grund gebe, über den nie gesprochen wird. Darüber können Sie selber ein Urteil fällen. Na gut, soll ich erzählen? Das Märchen heißt ,Johann und die Prinzessin’.«
»Absolut. Bitte. Gerne.«
»Dann fange ich an. Natürlich beginnt es, wie jedes gute Märchen beginnt: mit ,Es war einmal’.«
Es war einmal ein Schloss. Es gab nichts Außerordentliches um dieses Schloss herum abgesehen von dem Dorf darunter. Und es gab nichts Ungewöhnliches in dem Dorf bis auf zwei Eigentümlichkeiten. Zum Einen wohnte der beste Butterhersteller der Welt in diesem Dorf. Nirgendwo sonst gab es Butter so süß und leicht, so mild und hell. Die Leute kamen von überall, nur um diese Butter zu kosten. Was zweitens diesem Dorf Bekanntheit verschaffte, betraf ebenfalls den Butterhersteller. Es schien, er war auf tausend Meilen der einzige Mann, der rothaarig war und rothaarige Kinder zeugte.
Er hatte in der Tat fünf rothaarige Töchter, die alle außer einer verheiratet waren. Der Butterhersteller namens Hans hatte jedesmal einen Sohn erhofft und jedesmal war er mehr und mehr enttäuscht worden. Endlich, nachdem seine Frau die fünfte Tochter zur Welt gebracht hatte, sagte er: Ich will einen Sohn und ich werde einen Sohn haben.
Tut mir leid, Hans, sagte seine Frau leise. Uns ward wiederum eine Tochter geschenkt.
Aber Hans hielt seine erst minutenalte, fünfte Tochter hoch in die Luft und sagte, Nein, albernes Weib. Gestern bekam unser König eine Tochter, aber heute bekomme ich etwas Besseres. Endlich habe ich einen Sohn. Dies ist mein Sohn Johann. Dann warf der Butterhersteller einen solchen Blick in die Runde, dass niemand zu widersprechen wagte, weder seine Frau, noch die Hebamme, weder seine anderen Töchter, noch sonst jemand. Und damit ward Johann ein Junge.
Darnach ging alles gut. Johann lernte von seinem Vater Butter herzustellen, und auch alles andere, was Jungen lernen sollen. Er war glücklich, und sein Vater war glücklich. Er spielte jeden Tag mit den anderen Jungen des Dorfes und mit seiner besten Freundin, der Nachbarstochter Margarete, und wuchs gesund und stark und klug heran. Das ganze Dorf wußte, dass Johann kein Junge war, aber niemand sagte irgendwas darüber, und alle behandelten ihn, als wäre er ein Junge. Natürlich war dem König und der Königin, die im Schlosse wohnten, die Wahrheit bezüglich Johanns echtem Geschlecht hinterbracht worden, aber nicht ihrem einzigen Kind, der Prinzessin Rosamunde, weil ..., na ja ..., weil es sich halt nicht so ergeben hatte, dass jemand ihr das erzählte. Zu Beginn war sie zu jung und hatte fast nichts mit den Dorfbewohnern zu tun, und hernach schickte man sie fort zu Verwandten und sie verbrachte wenig Zeit im elterlichen Schloss.
Wie Johann sechzehn Jahre alt ward, entschied der rothaarige Butterhersteller, dass sein Sohn stark genug war, die tägliche kurze Butterstrecke zum Schloss zu machen. Das war kein leichter Weg, weil Hans mit seiner Familie am untersten Rand des Dorfes wohnte. So musste die Person, die die tägliche kurze Butterstrecke zum Schloss machte, den ganzen Weg durch die Unterstadt und über den Marktplatz laufen, dann bergauf durch die Oberstadt steigen, und endlich die schmalen Pfade zum Hintertor des Schlosses klettern, und zwar auf engen, überfüllten Gassen und Pfaden. Hans war es müde geworden, diese tägliche Strecke auf sich zu nehmen.
Johann, sagte Hans eines Abends, morgen machen wir zusammen die tägliche kurze Butterstrecke zum Schloss und darnach machst du sie allein. Aber zunächst muß ich dich in ein Familiengeheimnis einweihen. Mein Vater hat mir das vermittelt, der hatte es von seinem Vater, und der von seinem. Man macht die tägliche kurze Butterstrecke zum Schloss einfach so geschwind wie möglich, und dabei bleibt die Butter süß und leicht, mild und hell.
Und weil Johann ein guter Sohn war und alles machte, was sein Vater sagte, antwortete er höflich, Aber ja, Vater.
Am nächsten Tag also zeigte Hans seinem Sohn den besten und schnellsten Weg zum Schloss. Hans trug zwei Eimer voll Butter mit seinem Trageschwengel und Johann trug auch zwei Eimer voll Butter mit einem Trageschwengel, den Hans für ihn hatte anfertigen lassen. Und Johann war ja stark, gesund und klug, aber in der Tat war es äußerst mühsam zwei Eimer schwer mit Butter durch die Unterstadt und auf den Marktplatz zu tragen, von dem Weg oben zum Schloss ganz zu schweigen. Jedoch sagte Johanns Vater nichts darüber, während sie unterwegs waren, und wie sich herausstellte, erwähnte er es gar niemals. Und auch Johann sagte nie etwas darüber. Er wankte bloß hinter seinen Vater weiter und weiter, selbst lange nachdem die meisten Burschen keinen Fuß mehr vor den anderen hätten setzen können, während die Schweißtropfen ihm die Stirne herunterrannen. Natürlich kannte ihn jeder, an dem er vorbei lief, und auch konnte jeder sehen, wie schwer die Arbeit war. Aber niemand (außer seinen alten Spielkameraden) sagte irgendetwas darüber—alle lächelten nur, um Johann ein bisschen zu helfen. (Selbstverständlich machten Johanns alte Spielkameraden höhnische Bemerkungen, besonders Franz der Stärkste, was Burschen gemeinhin tun um einander anzuspornen. Sogar Paul der Krüppel war da, aber er verhöhnte Johann nicht, sondern jubelte.)
Irgendwie brachte Johann diese erste tägliche kurze Butterstrecke zum Schloss hinter sich. Schließlich stolperte er ganz erschöpft viele Schritte nach seinen Vater das Ende des Pfads bis zum Hintertor des Schlosses entlang. Die Vorsteherin erwartete sie bereits. Bevor Johann in Hörweite war, hatte sie Hans gegenüber erwähnt, dass Johann vielleicht nicht stark genug sei, so eine Strecke zu machen, und der hatte erwidert, dass Johann sein Sohn sei, und deshalb nicht nur im Körper stark genug, aber auch im Sinn.
In unsrer Familie können wir alles erreichen, was wir wollen, hatte er gesagt. Man muss nur an sich selbst glauben.
Sie hatte zwar gedacht, dass Hans keinen echten Sohn haben konnte, egal wie sehr er an sich selbst glaubte, es jedoch nicht ausgesprochen.
Willst du zu trinken, Johann? fragte die Vorsteherin als er ankam. Die Erschöpfung steht dir ins Gesicht geschrieben.
Johann, völlig schweißdurchnässt, versuchte, sich so gerade wie möglich aufzubauen. Sind wir schon da? fragte er mit augenfälligem Stolz.
Diesen Abend ging er ins Bett so früh es schicklich war. Er hatte keine Ahnung, wie er es geschafft hatte, vom Schloss zurück nach Hause zu laufen, aber es war ihm gelungen. Und auch die nächsten paar Wochen waren so undeutlich; Johann war nie sicher, wie er sie gemeistert hatte. Nur schwach erinnerte er sich an des Krüppels Paul jubelndes Gesicht, und an Stürze und verschüttete Buttereimer und eine sanfte Stimme, die hatte gesagt, Bekümmere dich nicht, armes Mädchen! Wir werden es deinem Vater nicht erzählen. Und dann war der Albtraum plötzlich vorbei—die tägliche kurze Butterstrecke zum Schloss war auf einmal fast einfach, die vollen Buttereimer federleicht.
Du siehst aus wie ein ganzer Kerl, sagte Johanns Freundin Margarete, als beide im Fluss schwammen und Johann seine Armmuskeln spannte.
Magst du das, Meta? fragte Johann. Ich denke, ich sehe bald wie ein ausgewachsener Mann aus.
Alsdann hatte Margarete, deren Augen jetzt geschlossen waren, Johanns Muskeln mit ihren Händen langsam gestreichelt. Ja, das denke ich auch. Ein sehr hübscher, ausgewachsener Mann.
Und die beiden hatten gelacht, einander Hände ergriffen und waren selbander untergetaucht.
Eines Tages, wo Johann die Butter ans Hintertor des Schlosses lieferte, lernte er die Prinzessin kennen. Die war nach zwölf Jahren gerade von ihren Verwandten zurückgekommen, und machte just einen Rundgang mit der Vorsteherin durch das Schloss, um alle und alles darin kennenzulernen.
Ach, Rosamunde, Ihr müsst auch unsren Butterboten kennenlernen, der ist unser verlässlichster Lieferant. Erlaubt mir, Eurer Hoheit Johann, den Butterboten, vorzustellen. Johann, dies ist die Prinzessin Rosamunde.
Sehr erfreut, Euch kennenzulernen, Prinzessin, sagte Johann, als er sich sehr tief verbeugte.
Ich auch, natürlich, entgegnete sie. Weiß er denn, dass ich nicht genug von seiner Butter bekommen konnte, wann immer ich zu Hause weilte, und sobald ich fort war, vermisste ich diese Butter am meisten.
Vielen Dank, gnädiges Fräulein, aber mein Vater ist der Butterhersteller, nicht ich.
Trotzdem. Nun, sag er mir mal bitte, wie ist es, rothaarig zu sein? Und es ergab sich, dass die Prinzessin Rosamunde mit Johann fast zwei Stunden plauderte und ihn erst nach Hause gehen ließ, nachdem er versprochen hatte, sich morgen wieder mit ihr zu unterhalten.
Wo warst du? fragte Margarete Johann, als er endlich zurückkam. Zwei Stunden habe ich auf dich gewartet. Erinnerst du dich, wir waren verabredet. Ich hab dein Hemd mitgebracht, das ich geflickt habe.
Tut mir so leid, Meta, aber Rosamunde und ich haben uns die ganze Zeit unterhalten. Ich konnte sie doch nicht einfach stehen lassen.
Wer ist Rosamunde?
Die Prinzessin natürlich.
Unsre Prinzessin, die im Schlosse wohnt?
Die selbe.
Und warum spricht sie denn mit dir?
Weil ich rothaarig bin. Meta, sie ist ganz tugendhaft, weißt du? Und morgen will sie mich wiedersehen. Du solltest mitkommen.
Du weißt genau, dass ich Dienstagvormittag immer meiner Mutter bei der Hausarbeit helfen muß. Manchmal, Johann, denke ich, du kümmerst dich überhaupt nicht um mich.
Meta, was soll denn das? Du bist meine allerliebste Freundin, das weißt du. Denkst du, dass ich Rosamunde morgen mit einem kleinen Geschenk aufwarten sollte?
Nein, antwortete Margarete, wobei sie ihm gleichzeitig das Hemd entgegenwarf. Alsdann machte sie auf dem Absatz kehrt und eilte davon.
Sehr merkwürdig, sagte Johann kopfschüttelnd.
Den nächsten Tag pflückte Johann auf dem Weg zum Schloss Wiesenblumen für Rosamunde. Sie war da, ihn zu treffen, und die beiden sprachen stundenlang miteinander. Drei Wochen lang ging das so—Johann machte die tägliche kurze Butter- und Blumenstrecke zum Schloss, und die Prinzessin war immer da, ihn zu treffen. Tagtäglich sprachen sie stundenlang miteinander. Nach nur zwei Tagen war der Butterbote nun der Prinzessin lieber Geselle, und sie hielt ihn wert, und so gings immer fort. Nach zwei Wochen hatten sie eine herzliche Zuneigung, gar Liebe, zu einander gefasst, und Johann gab Rosamunde sein Lieblingsandenken—eine Bärenklaue, in die er seinen Namen geritzt hatte.
Woher hast du diese Bärenklaue? fragte Rosamunde.
Es gibt eine Art Begräbnisstätte für Bären in der Nähe des Hauses meines Vaters. Ich habe sie entdeckt. Am andren Ufer des Flusses unten am Hügel. Jeder meiner alten Spielkameraden hat ein oder zwei Klauen (außer Franz dem Stärksten, der vier hat). Die waren unter uns sozusagen ein Kindheitsgeheimnis. Wahrscheinlich gibt es noch ein paar mehr dort. Von Zirkusbären, denken wir. Anscheinend wurden die Bären plötzlich krank und hernach starben sie alle. Aber keine Sorge. Das war vor Jahren und es gibt jetzt keine Gefahr von Krankheit. Magst du sie?
Sie wird mein Lieblingsandenken sein.
Jeden Tag während der ersten Woche, wie Johann zurück nach Hause kam, fragte er Margarete, ob sie den nächsten Tag mit ihm gehen wolle, um die tugendhafte Rosamunde kennenzulernen, aber Margarete sagte immer, Nein, ich habe Wichtigeres zu tun, als Prinzessinnen zu unterhalten. Jeden Tag der zweiten Woche, fragte er Margarete, ob sie den nächsten Tag mit ihm gehen wollte, um die liebliche Rosamunde kennenzulernen, aber immer sagte sie nur, Nein. Während der dritten Woche erfuhr Margarete, dass Johann Rosamunde seine Bärenklaue gegeben hatte. Sofort warf Margarete ihre eigene Bärenklaue in den Fluss, und darnach sprach sie kein Wort mehr mit Johann.
Leider hatte Johann nicht bemerkt, wie ablehnend Margarete geworden war, aber er hatte wirklich keine Ahnung, wie verliebt sie in ihn war. Denn er war von Rosamunde so angetan, dass er während dieser drei Wochen nichts außer ihr bemerkt hatte. In der Tat machte er die tägliche kurze Butter- und Blumenstrecke zum Schloss jeden Tag schneller und schneller, um mehr Zeit mit der Prinzessin zu verbringen.
Ich wette, dass es niemanden im Dorf gibt, der die tägliche kurze Butterstrecke zum Schloss schneller als du machen kann, sagte Rosamunde am dritten Tag der dritten Woche.
Ich wette, ich bin der schnellste Jüngling unter Gottes Sonne, bezüglich der täglichen kurzen Butterstrecke zum Schloss. Und so eine Fähigkeit, nicht wahr, Rosa? sagte Johann spöttisch. So ein Talent. Ich muß einfach auf mich äußerst stolz sein.
Ich bin wirklich sehr stolz auf dich, Johann. Alle wissen, dass die tägliche kurze Butterstrecke zum Schloss nicht leicht ist. Man braucht nicht nur Kraft für dieses Unternehmen, sondern auch Geschwindigkeit und Ausdauer, ganz abgesehen von Geschicklichkeit und Durchhaltevermögen—Herz meine ich. Mit solchen Fähigkeiten kann man alles erreichen.
Du hast vergessen zu erwähnen, wie nett, höflich und bescheiden ich bin, und deswegen haben alle mich sehr gerne, grinste Johann breit.
Aber ja! entgegnete Rosamunde. Und auch habe ich deinen niedlichen, hüpfenden Gang bergab vergessen.
Alsdann hatten die beiden gelacht, einander Hände ergriffen und waren selbander herumgewirbelt.
Nun war es in jener Zeit und an jenem Ort Sitte, die Kammerjungfern für die Prinzessinnen aus dem Dorfe zu dingen, und so ward Margarete Ende der dritten Woche zu diesem Dienst bestimmt.
Wenigstens werde ich viel mehr von Johann sehen als in der letzten Zeit, seufzte Margarete zu Johanns Mutter, als sie ihr beim Waschen half.
Was meinst du damit? fragte Johanns Vater, Hans, der war gerade in den Garten gekommen.
Johanns Mutter warf einen kurzen Blick auf Margarete, aber die schien das nicht zu bemerken.
Na ja, ich meine nur, dass Johann jetzt jeden Tag so viel Zeit mit der Prinzessin verbringt.
Was? fragte Hans etwas brüsk.
Weil die beiden sich ineinander verliebt haben.
Was? forderte Hans viel lauter.
Wusstest du das nicht, Väterlein? In letzter Zeit spricht das ganze Dorf über nichts anderes.
Was? brüllte Hans.
Bitte, Hans, beruhigte die Mutter, Margarete wütend anstarrend. Es ist nichts.
Nichts? Nichts? Du nennst es nichts wenn ..., wenn ...
Wenn unser Sohn ...
Nein, Mutter, unterbrach Hans, wir haben keinen Sohn. Das weißt du genau. Wir haben fünf Töchter.
Hans, das kannst du nicht sagen! Das ist ganz ungerecht Johann gegenüber. Er ist sechzehn Jahre lang unser Sohn gewesen.
Ich kann, was auch immer ich will. Ich bin der Vater. Heute sage ich, dass ich allein fünf Töchter habe, und fertig. Dann warf er einen solchen Blick in die Runde, dass weder Johanns Mutter noch Margarete zu widersprechen wagte.
Der arme Johann! Es war schrecklich als er nach Hause kam. Sobald er über die Schwelle trat, bestimmte Hans ihm, dass er nicht mehr sein Sohn sei, sondern seine Tochter, und hieß ihn Kleider tragen. Selbstverständlich war Johann wie vor den Kopf geschlagen und er wehrte sich dagegen, aber der Vater erhob die Faust und Johann wagte nichts zu machen, besonders da Hans viel stärker als er war.
Am nächsten Morgen früh dachte Johann daran, dass er die tägliche kurze Butterstrecke zum Schloss in einem Kleid machen musste und Rosamunde da auf ihn warten würde, und fühlte sich erbleichen. Wie könnte er zulassen, dass sie ihn in einer solchen Gestalt sah? Deshalb machte er das Einzige, was ihm offenstand. Er borgte eines seiner Mutter Kleider und trug es mit viel Polsterung darunter (Johanns Mutter war merklich fetter als er), um wie eine sehr dicke Frau auszusehen. Auch machte er sich eine Perücke aus einem Pferdeschwanz und trug darüber ein Kopftuch, das bedeckte fast sein ganzes Antlitz. So verkleidet hielt er sich für unkenntlich und machte sich auf die tägliche kurze Butterstrecke zum Schloss.
Wie Johann ans Hintertor des Schlosses kam, sah er nicht nur die Vorsteherin mit Rosamunde, sondern auch Margarete, die neue Kammerjungfer.
Guten Morgen, gnädige Fräulein, sagte Johann mit einer höheren Stimme als gewöhnlich. Bitte, erlauben Sie mir, mich vorzustellen. Ich bin Greta, der neue Butterbote ..., na ja ..., natürlich meine ich, die neue Butterbotin. Johann setzte die zwei vollen Buttereimer vor der Vorsteherin ab, wie üblich, nahm die zwei leeren dort stehenden Eimer, hängte sie an seinen Trageschwengel, und wandte sich rasch ab, um sich auf den Heimweg zu begeben.
Wo ist denn der Johann? fragte Rosamunde.
Wo ist wer, Eure Hoheit? antwortete Johann (als Greta).
Der alte Butterbote. Wo ist er?
Tut mir leid, Prinzessin, aber da bin ich überfragt. Und leider muss ich mich jetzt sputen. Bis morgen, meine Damen. Und damit drehte Johann sich wieder um, und begann geschwind den Pfad bergab zu laufen.
Die beide Mädchen schauten ihm offenen Mundes nach.
Hat die Greta nicht einen niedlichen, hüpfenden Gang? fragte Rosamunde, Margarete scharf ins Auge fassend.
Jetzt wo du es erwähnt hast, ja. Margarete wußte genau, wer Greta war, da sie ihr ganzes Leben mit Johann verbracht hatte. Ihretwegen mußte Johann jetzt Kleider tragen und offensichtlich nahm er es sich arg zu Herzen. Auch konnte er sich nicht mehr mit Rosamunde unterhalten und sie sich nicht mehr mit ihm. Margarete empfand darüber eine peinliche Schuld. Selbst nach erst wenigen Stunden hatte Margarete die Prinzessin außerordentlich lieb gewonnen (weil sie so außerordentlich tugendhaft war). Ei, du mein Gott!
Das Leben ging aber weiter und Johann ward sogar belastungsfähiger und schneller. Während der täglichen kurzen Butterstrecke zum Schloss trug er immer seiner Mutter Kleid mit viel schwerer Polsterung darunter und die ebenfalls recht gewichtige Pferdeschwanzperücke. Desgleichen, um so wenig Zeit wie möglich in einem Kleid unter die Leute zu gehen, machte er die tägliche kurze Butterstrecke zum Schloss auch noch schneller als zu den Zeiten, wo er gerast war, um Rosamunde zu sehen. Innerlich ward er auch stärker durch all diese jüngsten, ernstlichen Schwierigkeiten. Was nicht tötet, härtet ab, hatte Hans Johanns ganzes Leben lang gesagt.
Was Rosamunde und Margarete betrifft, so wurden sie immer engere Freundinnen. Sie unterhielten sich oft über Johann, aber um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen, gingen sie nie wieder zum Hintertor des Schlosses um auf die Butter zu warten. Die beiden vermissten ihn ungemein, aber immerhin konnten sie einander trösten, während der arme Johann ziemlich allein war. Es stimmt, dass seine Mutter ihn noch liebevoll behandelte, aber Hans und Johann sprachen gar nicht mehr miteinander, obgleich Johann noch bei seinen Eltern lebte, bei der Butterherstellung half, und als Greta noch die tägliche kurze Butterstrecke zum Schloss machte. Auch wurden all seine alten Spielkameraden tagein, tagaus von ihren Lehrherren beschäftigt.
Nun, so ging ein ganzes Jahr vorüber und bald war es an der Zeit, die Prinzessin zu verheiraten. Ihr Vater, der König, suchte sie auf und erkundigte sich danach, ob sie es vorzöge, dass Freier kämen, um ihre Hand anzuhalten, oder ob es einen Wettkampf für Freier geben solle, ihre Hand zu gewinnen. Zunächst war die Prinzessin mächtig erstaunt und sagte, dass sie noch zu jung sei zu heiraten. Aber der König antwortete: Jung gefreit hat nie gereut, und damit war es entschieden. Zum Glück jedoch hatte Rosamunde bereits nachgedacht.
Ich möchte gern einen Wettkampf, sagte sie.
Der König war nicht sehr überrascht, da er von seiner Tochter Vorliebe für den Johann wußte. Bist du dir ganz sicher, Liebling? Seit Hunderten von Jahren hat keine Prinzessin in diesem Schlosse einen Wettkampf gewählt, weil bei Wettkämpfen ein vollkommen unpassender Freier gewinnen könnte.
Absolut sicher, Papa.
Gut, sagte der König. In zwei Wochen machen wir dann eine Bekanntgabe im Innenhof des Schlosses. Wir werden alle Kandidaten weit und breit einladen, die Bekanntgabe zu hören, und inzwischen musst du entscheiden, woraus der Freierwettkampf bestehen soll.
Zwei Wochen darnach drängte eine Menge in den Innenhof des Schlosses. Von Wand zu Wand standen der ganze Hofstaat und jeder Einwohner des Dorfes, sowie von angrenzenden Gebieten. Auch adlige Herren waren von weither angereist oder hatten ihre engsten Vertrauten geschickt, um die wichtige Neuigkeit zu hören. Margarete und Rosamunde standen auf dem Königsbalkon und einander bei der Hand haltend. Margarete dachte, dass sie Greta in einer Ecke sehen konnte, und, um es Rosamunde zu zeigen, gestikulierte sie in die Richtung, aber keine von beiden konnte sicher sein, dass es wirklich Johann war.
Mit Pomp und Prunk erhob der König seine Arme.
Meine Tochter, die Prinzessin Rosamunde, hat entschieden, dass sie einen Wettkampf von Freiern möchte. Heute gibt sie bekannt, woraus der Wettkampf bestehen wird.
Hunderte von Augenpaaren schauten Rosamunde an, als sie an das Balkongeländer trat. Sie war ein Wunder von Schönheit. Vollkommen ruhig ergriff sie das Wort.
Beim Freierwettkampf wird es sich um einen Wettlauf handeln, sagte sie ganz laut, wie sie in die bereits erwähnte Ecke starrte. Der Sieger des Wettlaufs wird meine Hand gewinnen. Der Wettlauf beginnt hier in diesem Innenhof, geht bergab durch die Oberstadt und die Unterstadt, am Haus des Dorfbutterherstellers vorbei, den Hügel hinunter, durch den Fluss ans andere Ufer (wo jeder Wettläufer etwas finden muß), und hernach wieder zurück bis in diesen Innenhof. Auf dem Weg zurück aber muß jeder Wettläufer zwei Eimer voll Flussschlamm tragen. Daraus besteht der Wettkampf.
Und was muß jeder Wettläufer am anderen Ufer des Flusses finden? fragte der König.
Das verkünde ich zu Anfang des Wettlaufs.
So sei es, befahl der König. Und hiermit sei kundgetan, dass der Freierwettkampf in zwei Wochen um zwölf Uhr mittags anfängt. Alle, die die Hand der Prinzessin gewinnen wollen, sollen um elf Uhr hier sein.
Die Bekanntgabe löste hellste Aufregung im Dorf aus. Natürlich wußte jeder Dorfbewohner, warum die Prinzessin so einen Wettlauf gewählt hatte, und sie alle sprachen über nichts anderes.
Der König berief seine königlichen Räte zusammen. Offensichtlich will die Prinzessin, dass Johann den Wettlauf gewinnt, sagte er in der Königsratgeberkammer. Sie will ihn heiraten. Aber er ist kein ,ihn’, nicht wahr? Was können wir dagegen tun? Ihr seid die königlichen Räte. Nun ratet!
Die königlichen Räte hatten schon all die uralten, staubigen Rat- und Gesetzesbücher aus Truhen und Schränken, Laden und Koffern in der Königsratgeberkammer hervorgeholt und geöffnet. Hoheit, weil seit Hunderten von Jahren keine Prinzessin einen Freierwettkampf gewählt hat, sind wir der Formen und Regeln nicht ganz sicher. Aber sorgt Euch nicht. Bestimmt finden wir hier etwas, das in so einem Fall hilft.
Wir werden versuchen, geduldig zu sein, beteuerte der König. Schließlich habt ihr für meinen Schwiegervater ein äußerst nützliches Gesetz gefunden, das forderte die Todesstrafe für jeden, der einer Kammerjungfer beischläft, es sei denn, sie erklärte sich bereit, ihn zu heiraten. Na gut, wir warten.
Zum Glück hörte Margarete diese Unterhaltung zufällig mit, als sie an der geöffneten Tür der Königsratgeberkammer vorbeiging. In diesem Moment entschied sie, dass es in ihrer Macht stand, und dass freundschaftliche Pflicht sie dazu nötigte, Johann zu helfen. Ich werde den königlichen Räten jede Mahlzeit servieren, bis sie etwas finden, was sie gegen Johann verwenden können, und ihm so oder so irgendwie behilflich sein, versprach sie sich leise.
Und so kam es, dass sie nur vier Tage vor dem Wettlauf die Mittagstafel in der Königsratgeberkammer abräumte, wie einer der Räte plötzlich schrie, er habe etwas entdeckt.
Der König, der gleich in der nächsten Kammer war, eilte unköniglich herein. Was hat wer gefunden? brüllte er.
Ich habe Voraussetzungen gefunden. Hier in diesem uralten Rat- und Gesetzesbuch, Eure Königliche Hoheit. (In der durch die Entdeckung ausgelösten Aufregung bemerkte niemand, dass Margarete sich in der Kammer befand.) Anscheinend gibt es drei Voraussetzungen, die ein Kandidat erfüllen muss. Zuerst ....
Sag uns, bitte, dass ein Teilnehmer an einem Wettkampf um die Hand der Prinzessin auf jeden Fall ein Mann sein muss! stieß der König erwartungsvoll hervor.
Leider kann ich das nicht sagen, Eure Hoheit. Unglücklicherweise wird einfach angenommen, dass ein Teilnehmer ein Mann sei. Nirgendwo steht es hier eigentlich geschrieben. In der Tat steht immer ,man’ statt ,er’.
Gott im Himmel, seufzte der König. Also gut, was ist mit diesen drei Voraussetzungen?
Ich verlese: ,Jeder Teilnehmer an einem Wettkampf um die Hand der Prinzessin muss: Zunächst ein Pferd besitzen, das lebendig ist.’
Gut gemacht! unterbrach der König. Sicher hat Johann kein Pferd. Und zweitens?
,Zweitens muss man der Prinzessin fünfhundert goldne, nicht zurückerstattbare Münzen in der Landeswährung auszahlen, die sie nicht benutzen darf, bis der Wettkampf vorüber ist.’
Ausgezeichnet, sagte der König, andernfalls, so können wir vermuten, würde die Prinzessin Johann direkt die fünfhundert Münzen von einem anderen Teilnehmer geben, damit Johann die zweite Voraussetzung erfüllt. Sicher hat er selbst nicht ein Hundertstel so eines Betrags. Auch kein Pferd. So weit, so gut. Und drittens?
,Drittens braucht man den Segen des ... der ... des ... Vaters’ .... Ach, entschuldigt, bitte, Königliche Hoheit, aber ich kann es nicht recht lesen, weil das Buch so alt ist. Einige dieser Buchstaben sind unsäglich verblaßt, und meine geschwächte Sehkraft ....
Wer kann besser sehen? fragte der König und schaute in der Kammer umher und die anderen königlichen Räte an. Dabei bemerkte er endlich Margarete, die nur emsig den Tisch abzuräumen und nicht zuzuhören schien.
Margarete, seit wann räumst du Teller ab? fragte der König.
Margarete lächelte den König unschuldig an. Seit der Bekanntgabe des Freierwettkampfs, Eure Königliche Hoheit, antwortete sie. Die Vorbereitungen sind viel zu viel für die Schlossbediensteten allein. Sogar die Königin hilft.
Und seit wann bist du schon hier in dieser Kammer?
Ich bin gerade erst hereingekommen, Hoheit.
Gut, aber lass das Geschirr Geschirr sein, bitte. Wir reden über etwas, was Stille braucht, nicht Geschirrklappern.
Ich bitte tausendmal um Verzeihung. Natürlich braucht es Ruhe, komplexe Königsarbeit zu machen. Ich komme später zurück. Und Margarete machte einen sehr tiefen Hofknicks und verließ rückwärts die Kammer.
Heiliger Strohsack! sagte Margarete zu Rosamunde, sobald sie in deren Schlafzimmer zurückkam. Ich habs, Rosamunde. Es gibt drei Voraussetzungen für Teilnehmer an einem Wettkampf um die Hand einer Prinzessin. Man muss ein Pferd besitzen, man muss der Prinzessin fünfhundert Goldmünzen auszahlen, und man braucht den Segen des Vaters.
Meine Güte, Margarete, was machen wir dann bloß? Ich habe kein Pferd, kein Gold. Aber wart mal. Ich könnte Johann die fünfhundert Goldmünzen eines anderen Teilnehmers geben, nicht? fragte Rosamunde.
Leider ist das nicht erlaubt.
Was läßt sich denn eigentlich tun? Wir können nicht einmal mehr mit Johann sprechen. Von der Vorsteherin weiß ich, seit der Bekanntgabe des Freierwettkampfs hat Johanns Vater die Butter geliefert (die, das muss ich sagen, übrigens nicht so gut ist wie die von Johann gelieferte).
Nun, beruhigte Margarete, wir sind zwei kluge Mädchen. Wir werden uns auf etwas besinnen.
Am Ende entschieden sie, die Vorsteherin und die Königin einzuweihen, um deren Hilfe zu erbitten. Da sannen und sannen die vier aufs Neue, wie sie es anfangen sollten.
Nicht nur hatte Johanns Vater seit der Bekanntgabe des Freierwettkampfs die tägliche kurze Butterstrecke zum Schloss wieder selber gemacht, er hatte auch Johanns Trageschwengel weggenommen und ihm sogar verboten, das Haus zu verlassen (und natürlich auch, an dem Freierwettkampf teilzunehmen). Jedoch sprach Johanns Mutter dazu ein Machtwort, und Johann konnte wenigstens fortgehen, wann er wollte. Dann lud ihn Margaretes Mutter, seit langen Jahren Witwe, ein, bei ihr zu wohnen. Johanns Mutter hielt das ebenfalls für eine gute Idee, und so war er dorthin umgezogen. Auch trug er wieder Hosen.
Johann hatte sich eigentlich noch nicht entschlossen, am Freierwettlauf teilzunehmen. Es versteht sich von selbst, dass er das mehr als alles andere tun wollte, aber sollte er? Er wollte nicht, dass Rosamunde oder seine Familie zum Gespött der Leute würden, besonders nicht Rosamunde. Er entschied sich jedoch, für den Wettlauf zu trainieren, falls es nötig war. Einen neuen Trageschwengel schnitzte er aus einer Stange, und jeden Tag trug er zwei Eimer von Margaretes Mutter voll Steinen bergauf und bergab durch den Wald auf der anderen Seite des Flusses. Er fing damit direkt nach Sonnenaufgang an, und lief so schnell wie möglich, bis er in die Knie brach. Alsdann rastete er, bis er wieder gehen konnte. Und so fuhr er fort bis Sonnenuntergang.
Jeden Tag brachte ihm seine Mutter das Mittagsbrot in den Wald. Drei Tage vor dem Freierwettkampf fragte Johann sie endlich, ob er teilnehmen sollte.
Vielleicht stürbe Rosamunde an gebrochenem Herzen, wenn du kein Teilnehmer wärest, oder vielleicht nicht. Aber ich weiß aus Erfahrung, dass eine von euch oder ihr beide nicht ohne Bedauern würdet leben können, wenn du nicht alles daran setztest, ihre Hand zu gewinnen.
Aber mein Vater? Und ihr, meine Familie?
Wenn wir zum Gespött der Leute werden, das kümmert mich nicht. Sicher sind wir das schon, ob du teilnimmst oder nicht. Aber wenn du gewönnest? Wer würde dann lachen?
Und mein Vater?
Diese ganze Lage beruht auf seinem Vergehen. Am Tag deiner Geburt hat er seinen Verstand verloren und dich einen Jungen genannt. Du könntest nichts anderes als Johann sein. Ich dachte, ich könnte nichts dagegen tun. Vielleicht war das verkehrt. Sicher hatte ich keine Ahnung, dass seine Entscheidung ihn in so einen Unmenschen verwandeln würde. Jedenfalls habe ich nichts getan. Sie zuckte mit den Schultern. Also mach dir keine Gedanken weder um deinen Vater noch deine Familie, es wird zum besten ausschlagen. Am wichtigsten: fass deinen Entschluss als Johann, der ein Mann ist, nicht als Johann, der ein Junge war und jetzt ein Mädchen ist. Ohne eigene Schuld bist du heute ein Mann, mein lieber Sohn, und ein Mann würde an diesem Wettkampf teilnehmen.
Zwei Tage vor dem Freierwettkampf rief der König Johanns alten Spielkameraden herbei, der jetzt ein Wachtposten war.
Franz, hast du eine Ahnung, was die Prinzessin möchte, das jeder Freierwettläufer am anderen Flussufer findet? fragte der König. Und sag uns bitte die Wahrheit, sonst lassen wir dich in den Kerker werfen.
Wahrscheinlich Bärenklauen, Eure Königliche Hoheit, sagte der sich verräterisch fühlende Franz. Wie diese. Franz zeigte dem König seinen Lederbeutel, der, mit vier Bärenklauen in den unteren Saum eingenäht, aussah wie eine Tatze. Nun musste Franz dem König gar die ganze Bärengeschichte erzählen und darnach heckte der König einen Plan aus, mit dessen Durchführung er Franz beauftragte.
Einen Tag vor dem Freierwettkampf ersuchte die Königin eine Begegnung mit Johanns Vater, Hans. Sie trafen sich in der Kemenate.
Hans, ich bitte dich um deinen Segen zu Johanns Teilnahme an dem Freierwettkampf.
Und warum sollte ich das machen? Sonst ließet Ihr mich in den Kerker werfen, Eure Majestät?
Hans, du kennst mich doch besser. Ich bitte dich in Anbetracht alter Zeiten.
Die alten Zeiten sind vorbei, Louisa, oder liebt Ihr mich noch? Möchtet Ihr wieder bei mir liegen? Könntet Ihr mich jetzt heiraten? Nein? Das dachte ich eben. Soll meine Tochter (ausgerechnet meine Tochter) etwas haben, was ich nicht haben konnte—eine Prinzessin? Und wieviel Mal soll ich mich dem Gelächter des Dorfes aussetzen, ehemalige Prinzessin? Ich sag Euch, nie wieder für Euch. Ich laß mich nie wieder von Euch betören.
Es ist nicht für mich, sondern für unsere Kinder. Bitte, wenigstens versprich mir, dass du es dir überlegen wirst.
Das kann ich leicht versprechen. Und damit verließ Hans rasch die Kemenate, ohne sich zu verbeugen.
Am Vorabend des Freierwettkampfes sollte ein großes Fest auf dem Markplatz stattfinden. Bevor sie dorthin gingen aber, sprachen sowohl die Königin als auch Johanns Mutter mit ihren jeweiligen Herren.
Warum hat mich unser Schatzmeister heute morgen kein Gold aus unserer königlichen Schatzkammer nehmen lassen? fragte die Königin den König.
Weil das Gesetz vorschreibt, dass kurz vor einem Freierwettkampf die königliche Schatzkammer verschlossen werden muss, falls der König für den Freierwettkampf einen unerwarteten Notgroschen benötigt.
Warum setzt du alles daran, zu verhindern, dass Johann Kandidat werden kann?
Weil ich deinem Vater Urenkelkinder versprach, antwortete der König.
Mein Vater ist seit zwei Jahren tot.
Ja, und ich habe ihm das Versprechen an seinem Sterbebett gegeben. Möchtest du, Louisa, dass ich meinen Schwur breche?
Natürlich nicht, betonte die Königin.
Den selben Abend, bergab am untersten Rand des Dorfes, sagte Johanns Mutter ihrem Mann, Ich bin ganz sicher, Hans, dass ich umsonst rede, aber ich muss. Ich möchte gerne, dass du Johann die Zustimmung gibst, am Freierwettkampf teilzunehmen.
Wie kannst du das von mir verlangen? Gerade du? Hat die ehemalige Prinzessin das von ihrer ehemaligen Kammerjungfer erbeten? Wahrscheinlich habt ihr beide sehr darüber gelacht, dass ich keine Prinzessin gewinnen konnte, während meine Tochter (meine Tochter allerdings!) eine gewinnen soll.
Hans, du weißt ganz genau, dass es weder Louisas Schuld noch meine war, dass ihr Vater ihr keinen Freierwettkampf zugestand. Sie hatte ihn vielmals um einen gebeten, und ich unterstützte sie nach meinen Kräften, aber wir waren bloß Mädchen. Na gut, Rosamundes Vater ist einverstanden, einen Wettkampf zu erlauben, aber er ist nicht so stur wie Louisas Vater war. Außerdem bitte ich nicht wegen Louisa, sondern Johann, der ist immerhin dein eigen Fleisch und Blut.
Hast du Louisa damals ermuntert, mit mir das Land zu verlassen? Hatte sie das je vorgeschlagen?
Das hättest du machen sollen. Stattdessen hast du ihrem Vater geschworen, dass du nicht Louisa sondern mir beigeschlafen hattest, um dein eigenes Leben zu retten. Wäre es dir lieber gewesen, wenn ich mich nicht bereit erklärt hätte, dich zu heiraten? Ein Vater sollte sich freuen, wenn es seinem Sohn besser geht.
Albernes Weib. Ich habe keinen Sohn.
Und am Ende hast du vielleicht kein Weib, flüsterte Johanns Mutter ganz betrübt. Versprich mir nur, dass du es dir überlegen wirst.
Das kann ich leicht versprechen.
Das Fest war eine unglaubliche, sensationelle Pracht und Herrlichkeit, ein aufregenderes, ja aufsehenerregenderes bunteres Treiben als jeder Dorfbewohner erinnern konnte—selbstverständlich, weil Leute von allen angrenzenden Gebieten ins Dorf gekommen waren, Kandidaten und Zuschauer, und der König und die Königin wollten natürlich einen guten Eindruck machen und sicherstellen, dass jeder glänzend amüsiert würde. Das Licht von tausend Fackeln beschien tausend verschiedene Farben und Anblicke. Verführerische Gerüche und Geräusche wehten über den Marktplatz, der stand voller Buden, die boten alle Sorten köstlicher Speisen und Getränke an; außerordentliche, ja, fabelhafte Waren; blendende und erstaunliche Unterhaltung. Es gab Musiker, Tänzer, Schauspieler, Clowns, Harlekine, Jongleure, Feuer- und Schwertschlucker, Bodenakrobaten, Schlangenmenschen, Stelzenläufer, Ringkämpfer, starke Männer, dressierte Tiere, Magier, Wahrsager, Taschendiebe, Schwindler, und unzählige Menschen, die hielten ihre Waren feil: Schmuck und Schnürriemen, Parfums und Kerzen, Seidenballen und Sandalen, Geschirr, Teppiche und Korbwerk, Dattelpalmen und Blumen, Papageien und Singvögel, Süßigkeiten, Obstkuchen, Pasteten, Pralinen, Trüffeln, Torten, Nüsse, Feigen, Wurstbrot, kalten Braten, Kebabs, Met—wirklich alles, was das Herz begehren könnte (außer Butter, merkwürdigerweise).
Eine ganze Seite des Markplatzes nahm das königliche Zelt ein, zum Bersten voll mit ansässigem und angereistem Adel (wovon einige natürlich Kandidaten waren). Johann war ebenfalls dort, in die Uniform eines königlichen Dieners verkleidet. (Der Freund, dessen Uniform Johann geborgt hatte, lag gefesselt hinter der Zeltküche, damit es schien, als wäre die Uniform gestohlen worden.) Johann näherte sich der von Verehrern umschwärmten Rosamunde, und wartete, bis es zu einem Blickkontakt zwischen ihnen kam. Dann nickte er, um zu zeigen, dass er sie in einer Zeltecke treffen wollte.
Johann, du musst weg, flüsterte Rosamunde. Mein Vater hat den Wachtposten befohlen, dir keinen Zutritt zum königlichen Zelt zu gewähren. Vielleicht lässt er dich in den Kerker werfen.
Rosamunde, ich muss dich aber fragen, was ich morgen tun soll. Soll ich am Freierwettkampf teilnehmen, oder nicht? Ich will dich nicht zum Gespött der Leute machen.
Das kümmert mich nicht. Was glaubst du, warum ich meinen Vater um einen Freierwettkampf gebeten habe? Bloß damit irgendein Kerl meine Hand gewinnen kann? Alsdann riet sie Johann sich rasch zu entfernen, weil einige Wachtposten sich näherten. Aber hör mal. Ich bin ganz beunruhigt wegen Margarete. Sie hat mir gesagt, dass sie sehr Wichtiges plant, aber weigerte sich, mir zu erzählen, was. Sie sagte nur, das ich mir keine Sorgen machen soll, wenn sie heute Nacht nicht zurückkäme. Bitte, find und betreue sie! Jetzt mach dich fort! Die Wachtposten sind fast da.
Und so verbrachte Johann fast die ganze Nacht mit Suchen.
Inzwischen hatte Margarete Hans gefunden. Allein saß er in der Dunkelheit im staubigen Eingang einer geschlossenen Bäckerei, die lag am Rand des Marktplatzes hinter einem Springbrunnen versteckt. Neben ihm ein Fässchen Bier.
Väterlein, hab ich dich endlich gefunden, lächelte Margarete.
Nenn mir nich’ ,Väterlein’, Kammerzofe! Fort mit dir!
Sicher. Ich gehe bald wieder, Väterchen, aber zuerst muss ich dich um etwas bitten. Und zwar darum, dass du deinen Segen zu Johanns Teilnahme am Freierwettkampf versprichst. Dafür gäbe ich dir alles.
Ach so. Die Kammerjungfer der Prinzessin ha’ mir alles geboten. Albernes Mä’chen, ich hab’ schon alles von der Kamm’jungfer einer Prinzessin genommen und das war nich’ genug. Eigen’lich war’s gar nichs. Dann aber packte Hans plötzlich hart Margaretes Arm. Jedoch, vielleich’ has’ du was Anderes, was die erste Kamm’jungfer nich’ hatte. Und er fing an, die sich wehrende Margarete in die enge Gasse neben dem Gemäuer zu ziehen. Mal sehen, ob’s sich meinen Segen lohnen würde.
Johann fand die schluchzende Margarete erst kurz vor Sonnenaufgang in der engen Gasse. Blut tropfte von ihren Lippen.
Was ist hier passiert, Meta? fragte Johann sachte. Aber Margarete weinte nur und sagte nichts. Johann hob sie auf und trug sie in Armen den ganzen Weg zu ihrer Mutter Haus am unteren Rand der Unterstadt. Hernach trug er sie ins Haus, die Treppen hinauf, und in ihr altes Schlafzimmer hinein (das er jetzt benützte), legte sie aufs Bett, und legte sich selbst dicht neben sie. Er hielt sie in Armen, wiegte sie leicht, und sang leise ein Lied, das war ihr Lieblingslied als sie Kinder waren. Allmählich hörte Margarete mit dem Schluchzen auf, und beide schliefen ein.
Johann! Steh schnell auf! Es muss fast elf Uhr sein. Margaretes Mutter klopfte an die Schlafzimmertür. Steh auf! Etwas Komisches ist passiert. Ich kann keine der beiden Türen nach unten öffnen, und auch keine Fenster in Erdgeschoss. Jemand hat uns irgendwie eingeschlossen.
Johann war auf der Stelle wach und wußte was passiert war. Bestimmt hat mein Vater das getan, brüllte er an der Tür. Ich hab aber einen Plan. Dann flüsterte er, Meta, Meta Liebling, bitte wach auf! Ich brauch etwas.
Margarete öffnete ihre Augen und richtete sie stumm auf Johann. Sie sah aus, als ob sie gleich wieder anfinge zu weinen.
Wir brauchen die Strickleiter, die wir als Kinder gemacht haben, damit du dich rausschleichen konntest. Es ist sehr wichtig, Meta.
Margarete schaute Johann fragend an.
Erinnerst du dich an die Strickleiter? Wir haben so gelacht, als wir sie zusammen geflochten haben.
Sie nickte und zeigte wortlos unters Bett.
Na gut. Wir haben im Moment ohnehin keine Zeit zu reden. Nur, dass wir letzte Nacht hier zusammen in Sicherheit geschlafen haben und sofort zum Freierwettkampf müssen. In Ordnung?
Zum Glück konnte Margarete ziemlich geschwind rennen, und bald kamen sie auf den Marktplatz zu. Natürlich waren ob des Wettkampfbeginns die Straßen fast ausgestorben. Deshalb sahen sie nur eine einzelne Person, die ihnen langsam entgegen lief. Schon von Weitem wies der stark humpelnde Gang Paul den Krüppel aus. Sie hielten inne, mit ihm zu sprechen.
Nein, Johann, du darfst nicht halten. Margarete, er sollte schon im Schlossinnenhof sein.
Johann lächelte herzlich. Na gut, Paul, aber ich hab ein bissel Zeit mit dir zu plaudern. Wenn man für Freunde seine Zeit nicht mehr zu opfern bereit ist, dann hat man ausgedient, nicht wahr? Ohnehin, was gehst du eigentlich weg vom Schloss?
Ich habe anderes zu tun, äußerst Wichtiges. Leider muss ich mich eilen, und ihr beide auch. Viel Glück beim Freierwettkampf. Wir alle stehen hinter dir. Auf Wiedersehen.
Kurz hernach waren die beiden am Schloss. Noch drängten die Leute durch die Tore, und Johann und Margarete gingen auf die Scharen zu. Die Menge schob sie dicht aneinander mit sich.
Meta, ich fühle mich ganz gesund und dem Wettlauf gewachsen. Wir hatten ungefähr fünf Stunden Schlaf, und das Rennen hier hinauf war das beste Aufwärmen, das ich mir vorstellen kann. Er nahm ihre Hand. Übrigens vermute ich, dass was auch immer du letzte Nacht versucht hast, etwas mit mir und dem Freierwettkampf zu tun hatte. Ich kann dir nie genug dafür danken. Du hast vielleicht fast dein Leben geopfert.
Endlich kamen sie in den Innenhof hinein. Johann blickte Margarete forschend an, sie umarmte und liebkoste ihn. Darauf entfernte sie sich noch wortlos, um sich zu Rosamunde auf den Königsbalkon zu gesellen. Bald ertönten die Trompeten des Königs, und die Menge ward leiser.
Wer auch immer an dem Freierwettkampf teilnehmen möchte, trete bitte in die Mitte des Innenhofs, brüllte der königliche Herold.
Bald standen etwa hundert Männer in der Mitte des Innenhofs. Zuerst hatte Johann gezögert, dorthin zu gehen, aber seine Mutter war plötzlich da und hatte ihn Richtung Mitte des Innenhofs geschoben, und mehrere Dorffrauen hatten das ebenfalls gemacht, bis auch er dort stand.
,Jeder Teilnehmer an einem Wettkampf um die Hand der Prinzessin muss: Zuerst ein Pferd besitzen, das lebendig ist.’ Wer auch immer in der Mitte des Innenhofs steht und kein solches Pferd besitzt, soll hinausgehen.
Johann versank fast in den Boden, jedoch begann er erhobenen Hauptes mit vielen anderen enttäuschten Kandidaten, die Mitte des Innenhofs zu verlassen. Aber da war wieder seine Mutter und versperrte ihm den Weg.
Ein Mann schrie aus der Menge, Johann, brauchst du ein Pferd? Hier ist es. Johann gegenüber erschien ein Steckenpferd, das Johanns Pferdeschwanzperücke trug. Die Menschenmenge brach in Gelächter aus. Auch Johann kicherte vor sich hin. Aber auf einmal ertönten die Trompeten der Königin, und es herrschte Stille.
Die Königin lässt verkünden, dass ihr Hengst, Prinz, dem Johann zum Geschenk gemacht werden soll.
Überall im Innenhof gab es viele ,Ohs’ und ,Ahs’. Auf dem Königsbalkon war der König befremdet, diese Eröffnung zu hören. Er hatte Louisa Prinz zum Hochzeitsgeschenk gemacht, und dass sie ihn verschenken würde, hätte er nie erwartet. Er schaute sie fragend an.
Die Königin lächelte ihn an und sagte, Auch ich habe einen Eid abgelegt. Mir selbst bezüglich meiner Tochter. Trotz unserer jeweiligen Eide lieben wir einander noch, nicht war?
Der König nickte.
,Jeder Teilnehmer an einem Wettkampf um die Hand der Prinzessin muss: Zweitens der Prinzessin fünfhundert goldne, nicht zurückerstattbare Münzen in der Landeswährung auszahlen, die sie nicht benutzen kann, bis der Wettkampf vorüber ist.’ Wer auch immer in der Mitte des Innenhofs steht und nicht zahlen kann, soll hinausgehen.
Wieder versank Johann fast in den Boden, und wieder versuchte er erhobenen Hauptes, gleichzeitig mit mehreren anderen enttäuschten Kandidaten, die Mitte des Innenhofs zu verlassen. Und wieder versperrte seine Mutter ihm den Weg.
Bloß ungefähr dreißig andere blieben noch in der Mitte des Innenhofs. Sie gaben alle ihren jeweiligen Dienern das Zeichen, und dreißig Beutel voll Gold tragende Diener stellten sich vor dem am Rand des Innenhofs wartenden Schatzmeister auf, um zu zahlen. Merkwürdigerweise stand dann auch eine Dorffrau Schlange, und dann eine andere, und noch eine andere, bis es wohl fünfhundert waren. Jede Frau erhob eine Hand, und jede Hand hielt eine Goldmünze. Für Johann, rief die erste, und dann riefen sie alle, Für Johann! Für Johann!
Im Innenhof schickte der Schatzmeister nach seinen Gehilfen, um das Gold der Dorffrauen schneller einzusammeln, und auf dem Königsbalkon zwinkerte die Vorsteherin Rosamunde und Margarete zu. Der König wirkte recht blass und schüttelte den Kopf.
,Jeder Teilnehmer an einem Wettkampf um die Hand der Prinzessin braucht: Drittens den Segen ....
Nein, hör auf damit, bestimmte der König. Die dritte Voraussetzung wird bekanntgegeben, wenn der Freierwettkampf vorüber ist. Das ist gesetzlich erlaubt. Aber gebt acht! Jeder Teilnehmer, der die dritte Voraussetzung nicht erfüllen kann, soll immerdar im Kerker schmachten. Der König drehte sich seinem geheimsten königlichen Rat zu und flüsterte grimmig, Gott im Himmel! Sind alle verzaubert? Dies ist unerträglich. Wir können uns nicht vorstellen, wie Johann die dritte Voraussetzung erfüllen wird, aber er muss als erstes den Wettlauf rennen. Nur dass wir gerade jetzt keine Tricks mehr sehen dürfen.
Aufgrund der Androhung lebenslänglicher Freiheitsstrafe verließen weitere zehn Männer die Mitte des Innenhofs. Zwischen Johann und seiner Mutter kam es zu einem Blickkontakt. Ihre Worte klangen ihm im Ohr: ,Eine von euch oder ihr beide würdet nicht ohne Bedauern leben können, wenn du nicht alles daran setztest, ihre Hand zu gewinnen.’ Er nickte ihr zu und als Antwort auf die Herausforderung des Königs pflanzte er sich mit Entschiedenheit genau in die Mitte des Innenhofs.
Die einundzwanzig Teilnehmer waren bald bereit, den Wettlauf zu beginnen.
Der Sieger des Wettlaufs, der auch die dritte Voraussetzung erfüllen kann, wird meine Hand gewinnen, verkündete die Prinzessin. Der Wettlauf fängt hier in diesem Innenhof an, geht bergab durch die Oberstadt und die Unterstadt, an dem Haus des Dorfbutterherstellers vorbei, den Hügel hinunter, und durch den Fluss ans andere Ufer, wo jeder Wettläufer eine Bärenklaue finden muß. Darnach kommt zurück bis in diesen Innenhof. Auf dem Weg zurück aber muß jeder Wettläufer zwei Eimer voll Flussschlamm tragen. Man muss mir auch seine Bärenklaue geben, um zu gewinnen. Und jetzt los!
Erwartungsgemäß überquerte Johann den Fluss zuerst (aber die übrigen Wettläufer waren nicht weit weg). Er raste zur Bärenbegräbnisstätte hinter einem Felsblock und begann in der Erde herumzusuchen. Aber irgendwas stimmt nicht. Die Erde war frisch umgegraben worden. ,Jemand war kürzlich hier,’ dachte er. ,Ich wette, hier gibt’s keine Bärenklauen mehr.’ Er schaute um dem Felsblock zurück zum Fluss. Es schien, als ob alle Wettläufer schon am Ufer waren und ihre Trageschwengel erhielten. Einige liefen sogar bereits den Hügel drüben wieder hinauf. Johann rannte zurück an den Fluss. Er erkannte seinen alten Spielkameraden, Franz den Wachtposten.
Was ist denn hier los, Franz? Wo sind all die Bärenklauen?
Tut mir leid, Johann, aber der König zwang mich, das zu tun. Ich habe gestern all die Bärenklauen ausgegraben, um sie den Wettläufern zu geben. Selbst jedem unsrer alten Spielkameraden musste ich die Bärenklauen abnehmen, die sie gefunden hatten. Ich musste sogar meine abgeben.
Und hast du jetzt noch eine für mich?
Leider nicht. Ich habe sie bereits alle weggegeben. Selbst meine vier. Franz sah aus, als ob er gleich in Tränen ausbrechen würde. Ohnehin hat der König gesagt, dass ich dir keine geben darf.
Beide schauten auf den dem Fluss gegenüberliegenden Hügel und den Wettläufern nach. Die meisten sahen schon erschöpft aus, während sie den Hügel emporstiegen—jeder mit einem Trageschwengel und zwei Eimern schwer mit Flussschlamm. Johanns Augen senkten sich nach unten auf den Fluss und der Mut sank ihm auch. Aber wer war denn das, der da im Wasser stolperte? Paul der Krüppel?
Johann und Franz rannten beide ins Wasser, um den vollkommen übermüdeten Paul aufzufangen. Behutsam setzten sie ihn am Flussufer ab. Paul, was machst eigentlich du hier? fragte Johann.
Endlich bin ich angekommen, keuchte Paul. Dieser Marsch war fast zu anstrengend. Aber du musst dich eilen, Johann. Schau, was ich für dich habe. Paul rang nach Atem, als er eine silberne Kette von seinem Hals nahm. Daran hing eine Bärenklaue.
Franz schnappte vor Überraschung nach Luft. Paul, ich habe dich neulich gefragt, ob du eine Bärenklaue gefunden hattest, und du hast ,Nein’ geantwortet. Die muß ich dir jetzt leider wegnehmen.
Nein, Franz, ich hab nicht gelogen, ich hab sie nicht gefunden. Sie war die erste, die Johann entdeckt hatte. Er hat sie mir vermacht, weil meine Mutter mir nie erlaubte, die Oberstadt zu verlassen. Erinnerst du dich daran Franz? Alle ihr Jungen außer Johann habt oft herzlich darüber gelacht. Ihr frohlocktet, nanntet mich ,Waschlappen’ und so was.
Franz errötete. Johann, nimm diese Bärenklaue und die Schlammeimer da und geh! Ich kümmere mich um Paul. Los, Mann!
Johann steckte Pauls Halskette in den Lederbeutel, der von seinem Gürtel hing. Wo ist ein Trageschwengel für mich? fragte er.
Franz errötete wieder. Es gibt keinen, wiederum aufgrund des Königsbefehls. Du hast nur deine Hände, die Eimer zu tragen.
Das werden wir mal sehen! sagte Johann. Er zog Franz’ Schwert aus der Scheide. Darf ich?
Na, ja, antwortete Franz.
Johann schwang das Schwert mit aller Kraft gegen den hölzernen, königlichen Fahnenmast, der da ins Ufer gesteckt worden war, und zerschnitt ihn wie einen Strohhalm. Jetzt habe ich einen Trageschwengel!
Einen Augenblick später beobachteten Franz und Paul Johann, der flinken Fußes den Hügel drüben erkletterte, als ob die Eimer federleicht wären.
Am untersten Rand der Unterstadt ergab sich eine neue Schwierigkeit. Da all die Dorfeinwohner im Innenhof des Schlosses waren, um das Ende des Wettlaufs mitzuerleben, hätten die Straßen ziemlich leer sein sollen. Aber der König hatte offensichtlich seinen Wachtposten befohlen, in allen Straßen herumzubummeln, um Johann zu behindern. Zunächst war das kein großes Problem für Johann. Es gab nicht so viele Wachtposten, und die hatten so eine Arbeit noch nie ausgeführt. Deswegen konnten sie es nicht so besonders gut—meistens standen sie nur jedem und sogar den anderen Wettläufern im Weg. Johann bemerkte sie kaum im Vergleich zu der Menge, die üblicherweise in den alltäglich, überfüllten Gassen einherschob und sich untereinander vermischte. Bald kam Johann auf den Marktplatz zu und inzwischen hatte er mühelos zehn andere Wettläufer überholt.
Doch am Marktplatz sah die Sache ein wenig anders aus. Hier waren die alterfahrenen Königswachtposten, denen im Gegensatz zu den Grünschnäbeln unten in der Unterstadt keine Fehler unterliefen. Doch glücklicherweise hatte Johann noch einen Trümpf im Ärmel. Er rannte dem Springbrunnen vor der Bäckerei entgegen, duckte sich hinter ihn, und verschwand in der engen Gasse neben dem Gemäuer. Ein paar Wachtposten erreichten Momente später den Springbrunnen und verbrachten eine erfolglose halbe Stunde damit, Johann zu suchen. Ehrlich gesagt war diese enge Gasse der Eingang eines geheimen Durchgangs (und auch eine Abkürzung durch die Oberstadt), den niemand sehen konnte, es sei denn, er wußte haargenau, wo er war. Nur zwei Dorfbewohner kannten dieses Geheimnis—Johann und sein Vater, der hatte Johann davon erzählt. Hier in diesem Geheimgang hatte Johann auch letzte Nacht Margarete gefunden. Und hier geriet er nun an seinen Vater.
Was beabsichtigst du, Vater? Laß mich bloß an dir vorbeigehen, bitte.
Das kommt nimmermehr in Frage.
Ich bin dein eigen Fleisch und Blut.
Vielleicht. Oder vielleicht hat ein anderer deiner Mutter beigeschlafen.
Meine Güte! Ich bin rothaarig!
Trotzdem.
Muss ich dich denn bezwingen?
Hans lachte. Und was könntest du mir schaden! Er erhob die Faust, die hielt eine Keule, dann schlug er die Keule in den anderen Handteller. Ich prügle keine Mädchen, aber wenn du an der Idee festhältst, dass du ein Junge bist, kann ich es dir getrost feste geben—sogar, wenn du kein richtiger Mann bist.
Offensichtlich hatte Johann weder die Zeit noch die Kraft, lange mit seinem Vater zu streiten. Er wußte, er mußte sich schnell aus dieser Lage winden. Da ward ihm zum ersten Mal im Leben wohl Angst.
Wart mal, bitte, sagte Johann, als er sich umdrehte und hinunterbeugte, um Eimer und Trageschwengel abzusetzen. Wie er gedacht hatte, nutzte sein Vater die Gelegenheit, ihn hinterrücks anzugreifen. Jedoch warf Johann ihm den jetzt eimerlosen Trageschwengel zwischen die Beine, um ihn stolpern zu lassen. Es gelang recht gut—in der Tat schlug Hans mit dem Kopf gegen die Wand und verlor das Bewusstsein. Leider aber schmetterte seine Keule schwer gegen Johanns Knie als er fiel, und sein ausgestreckter anderer Arm versuchte Johann zu packen (schaffte aber nur, an seinem Gürtel zu ziehen).
Johann beugte sich alsdann hinab, um die Eimer aufzuheben und sie wieder an seinen Trageschwengel zu hängen, da schmerzte sein Knie so stark, dass er den Mut verlor. Doch gleich kam ihm in den Sinn, wie der vollkommen erschöpfte, auf einem Bein lahme Paul ausgesehen hatte, als er durch den Fluss stolperte, um ihm die Bärenklaue zu geben, und Johann fing voller Entschlossenheit an, durch den Geheimgang zu humpeln. Und hernach dachte er an Margaretes unglaubliches Opfer und begann fast normal zu laufen. Wie er sich dann auf die Goldmünzenfrauen besann, rannte er langsam. Verständlicherweise ermunterte die Erinnerung an das Geschenk der Königin ihn dazu, in beinahe großen Sätzen zu springen. Und schließlich, wie er sich an Rosamunde gemahnte, wo sie vollkommen auf ihn rechnete und an ihn glaubte, galoppierte er nahezu.
Der Geheimgang endete nach vielen Treppen knapp am oberen Rand der Oberstadt. Johann war zwar entschlossen, aber das Knie war ganz steif geworden und hämmerte erbarmungslos. Er hatte keine Ahnung, wie er die Treppen überwunden hatte, ohne ohnmächtig zu werden, aber er war jetzt oben. Völlig schweißdurchnässte versuchte er, sich so gerade wie möglich aufzubauen. Ich bin fast da, sagte er aus augenfälligem Stolz. Dann strauchelte er auf den Anfang des Pfades, der genau zu den Schlosstoren führte. Etwa hundert Fuß rechts von ihm lag die oben aus der Oberstadt kommende zu den Schlosstoren gehende Straße. Darauf sah Johann drei Wettläufer, den ersten von ihnen, der einen Bart trug, ungefähr die selbe Distanz von den Schlosstoren entfernt wie Johann. Alle liefen mühsam, besonders die hinteren zwei.
Johann dachte wieder an Paul und rannte weiter. Just vor den Schlosstoren verband sich Johanns Pfad mit der Straße, und da holte Johann den mit dem Bart ein. Die beiden liefen Kopf-an-Kopf den offenen Schlosstoren entgegen, die zwei anderen waren zurückgefallen. Tränen rannen Johann übers Gesicht wegen der Schmerzen in seinem Bein. Als Johann und der Bärtige fast die Schlosstoren erreicht hatten, war Johann ganz sicher, dass es nicht sehr viel weiter gehen könnte. Die Eimer voll Flussschlamm drohten ihn zu Boden zu ziehen. Aber sobald die zwei Läufer um die Schlosstore bogen, bekam Johann einen unerwarteten Aufschwung. Eine jubelnde Menge von Frauen säumte den Weg zwischen den Schloss- und Innenhoftoren. Die Goldmünzenfrauen.
Los, Johann, los!
Du kannst es schaffen, Johann!
Fast da, Johann!
Auch hörte Johann im Kopf eine sanfte Stimme, die sagte, Bekümmere dich nicht, armes Mädchen! Wir werden es deinem Vater nicht erzählen. Jetzt erkannte er erstmalig die Stimme—die der Königin!
Im Nu war das Rennen fast einfach, die vollen Schlammeimer wieder federleicht. Jählings setze Johann sich von dem anderen Läufer ab, flog durch den Endspurt und gewann den Wettlauf. Und gerade da waren Rosamunde und Margarete. Die drei umarmten einander, und wirbelten gemeinsam herum, lachend und weinend und noch einmal lachend, bis sie bemerkten, dass sie von hunderten ganz ruhigen, sie anstarrenden Leuten umringt wurden. Da wurden auch sie still.
Eine Gasse bahnte sich durch die Menge, und der König, die Königin, und die königlichen Räte schritten hindurch. Nun schauten die Königin, Rosamunde, und Margarete in die Runde, als ob sie jemanden suchten. Johann blickte sie zweifelnd an.
Gut gemacht, Johann, sagte der König. Aber wo ist die Bärenklaue?
Ich habe eine, Hoheit. Johann angelte nach dem Lederbeutel, der von seinem Gürtel hing. Aber der war nicht da! Johanns Blick richtete sich nach unten. Nichts war da. Seine Augen suchten verzweifelt dem Boden ab, wo die drei getanzt hatten. Wieder nichts. Da erinnerte er sich an seines Vaters ausgestreckten Arm, der an seinem Gürtel zog. Er wendete sich an den König. Anscheinend habe ich sie ver...
Johann, unterbrach Rosamunde, Du hast sie nicht vergessen. Du hast sie mir gerade gegeben. Erinnerst du das nicht? Rosamunde öffnete ihre Hand. Da lag eine Bärenklaue. Sieh mal. Du hast eben deinen Namen hinein geritzt.
Na, gut, sagte der König. Er nickte dem königlichen Herold zu.
,Jeder Teilnehmer an einem Wettkampf um die Hand der Prinzessin braucht: Drittens den Segen der Vaterschaft. Das bedeutet, dass man schon mindestens ein Kind gezeugt hat. Es genügt auch, einen Bart zu tragen.’
Damit man sicher ist, dass es Nachkommen gibt, fügte der König hinzu. Tut uns leid, Johann, aber so ist das Gesetz. Wir nehmen an, dass dir niemand seinen Bart geben kann?
Noch einmal versank Johann fast in den Boden.
Moment ... bitte, hörte man eine leise Stimme.
Der plötzlich blasse König sah sich um. Was ist denn jetzt los! Wer hat da gesprochen?
Margarete trat nach vorn. Ich. Ich hab. Ich ... ich muss Euch ... einen Umstand entdecken.
Dann sprich bitte jetzt oder nimmer! befahl der König recht ungeduldig.
Margarete sah ganz nervös aus. Sie schluckte und holte einmal tief Luft. Die Menge fing an zu murmeln.
Ruhe! brüllte der König. Er schaute Margarete an. Margarete, bitte.
Sie sah dem König direkt in die Augen. Eure Hoheit, ich habe etwas für Johann. Natürlich keinen Bart, aber ... aber ich habe bei ihm gelegen und erwarte sein Fleisch und Blut. Es gibt keinen anderen Mann, der das Ungeborene für sich beanspruchen würde. Wenn mein Kind mit rotem Haar auf die Welt kommt, dann seht Ihr selbst.
Das kannst du beschwören? fragte der mehr als ein wenig verzweifelte König. Wenn das nicht die Wahrheit ist, wirst du immerdar im Kerker schmachten.
Ich schwöre, erwiderte Margarete.
Einen Augenblick hätte man eine Stecknadel fallen hören können, dann brach brausender Beifall und lauter Jubel los in der Menschenmenge, am allermeisten bei den Frauen. Johann und Rosamunde hatten offenen Mundes hinter Margarete gestanden. Sie betrachteten einander, lächelten breit, und eilten sich, die Freundin zu umarmen.
Ist das wirklich wahr? flüsterte Rosamunde der Margarete ins Ohr.
Margarete zeigte den beiden ihre gedrückten Daumen. Ich hoffe.
Auf einmal drückten Rosamunde und Johann auch die Daumen. Plötzlich ertönten die Trompeten der Königin, und es herrschte Stille.
Die Margarete wird unter unsrem Schutz stehen, bis wir sicher sind, dass sie in der Tat guter Hoffnung ist. Kein Mann darf sich ihr nähern drei Monde lang. Auch Johann wird bis zur Niederkunft unser Gast sein.
Neun Monate darauf schenkte Margarete einem rothaarigen Knaben das Leben. Nun heirateten Johann, Rosamunde, und Margarete alle einander (weil Rosamunde den Sieger des Wettlaufs heiraten musste, und Johann die Kammerjungfer, der er beigeschlafen hatte). Also lebten die drei vergnügt zusammen und schließlich gebaren sowohl Rosamunde als auch Margarete noch zwei rothaarige Kinder.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Die Alte schaute mich an.
Ich klatschte in die Hände. »Fabelhaft!«
Sie lächelte breit, aber runzelte plötzlich die Stirne, als sie kurz aus dem Zugfenster blickte. »Meine Güte! Bitte sagen Sie mir, dass wir nicht schon in Hamburg sind! Hab ich den Hauptbahnhof verpasst?«
»Nein. Das war nur Hamburg-Harburg. Der Hauptbahnhof kommt zunächst.«
»Ach so, gut. Aber dann muss ich jetzt meine Sachen zusammensuchen«, sagte die Alte.
»Aber zuerst können Sie nur eine kurze Frage antworten? Was war denn mit Johanns Vater, Hans?«
»Nun, mit dem Hans?«
Niemand sah Hans je wieder lebendig. Wie Margarete in die Wochen kam, stattete Johann dem Geheimgang einen Besuch ab. Da lag ein Skelett, in einer Hand eine Keule und in der anderen einen Lederbeutel. Johann überreichte dem Knaben den Lederbeutel und die noch immer darin sich befindende, an einer silbernen Halskette hängende, Bärenklaue.
Mit dem Segen deines Vaters, sagte er dem Kinde.